Venus (im September 2026)

Venus wird im Allgemeinen als Planet der Liebe und Ästhetik bezeichnet. Das ist nicht falsch und gleichzeitig steckt noch mehr in diesem Symbol. 

Ich beginne mit einem Ausflug in die Mythologie: Als Saturn seinen Vater, den Himmelsgott Uranus, entmachtete, indem er ihn kastrierte, fiel dessen Phallus ins Meer. Anschließend stieg Venus aus einer Muschel aus den Fluten empor. Sie trägt daher den Namen "die Schaumgeborene". Als sie das Land betrat, erblühte alles unter ihren Füßen. Wilde Tiere wurden zahm und friedlich. Sie wurde von den Grazien (den Göttinnen der Schönheit) empfangen, gebadet, gesalbt und wunderschön gekleidet. Sie erhielt einen Gürtel mit Zauberkräften, der jeden in sie verliebt macht. Verheiratet war sie mit Hephaistos. Er war ein äußerlich hässlicher Feuergott und Schmied, der andererseits aber Dinge von großer Schönheit erschuf. Als Paar sind sie Sinnbild für das Zusammenspiel von innerer und äußerer Schönheit.

Im Tierkreis herrscht Venus über zwei Tierkreiszeichen und manifestiert sich somit auf unterschiedliche Weise. Als "Venus Pandemos" und Herrscherin des Zeichens Stier regiert sie über die irdische, sinnliche Liebe, die wir auch mit der körperlichen Lust verbinden. Als "Venus Urania" und Herrscherin des Zeichens Waage hingegen steht sie für die himmlische, idealisierende Liebe, die geistiger Natur ist. Die Stier-Venus fragt: Was ist mir etwas wert? Was gibt mir Sicherheit? Was lässt mich genießen? Was möchte ich bewahren? Bei der Waage-Venus wird daraus Beziehung: Was geschieht zwischen mir und dem anderen? Wie begegnen wir uns? Was verbindet uns? Wo entsteht Ausgleich und wo gerät etwas aus dem Gleichgewicht? Venus beschreibt also auch unsere Beziehung zur Welt und dabei spielen Werte eine große Rolle. 

Die mythologische Geschichte erzählt uns weiterhin, dass Venus die Geliebte des Mars war. Zusammen stehen sie für verschiedene archetypische Gegensätze: Liebe und Begehren, Anziehung und Handlung, Hingabe und Eroberung. Mars ist dabei nicht einfach nur der Krieger, der er auch war. Er ist derjenige, der etwas will, sich bewegt und auf etwas zugeht. Als Herrscher des Zeichens Widder setzt er Impulse mit Startenergie. Venus fragt dagegen: Was ist mir das wert? Was zieht mich an? Womit möchte ich mich verbinden? Vielleicht braucht Liebe deshalb immer beide Prinzipien. Ohne Mars bleibt Venus beim Gefallen stehen. Ohne Venus wird Mars zum bloßen Durchsetzen seines Willens. Erst gemeinsam entsteht etwas Drittes: Anziehung wird zu Begegnung.

Mir kam in diesem Zusammenhang die bekannte US-amerikanische Tennisspielerin Venus Williams in den Sinn. Obwohl sie den Namen der oben beschriebenen Göttin teilt, zeigen sich in ihrem Leben auch marsische Attribute wie Wettbewerb, Leistung, Wille, und Kampfgeist. Tennis ist quasi ein Spiel der Beziehung. Zwei Menschen stehen sich gegenüber und reagieren aufeinander. Einer schlägt den Ball – der andere antwortet. Es geht um Angriff und Verteidigung, Distanz und Nähe, Timing und Resonanz sowie Kraft und das Gefühl für den richtigen Moment. Venus und Mars sind auch hier nicht weit voneinander entfernt. 

Venus wird gerne als sanfte, schöne, sinnliche und empfangende Kraft dargestellt. Doch ist sie keineswegs so passiv wie es scheint. Sie zieht an. Sie entscheidet, was ihr gefällt. Sie setzt Werte. Sie geht auf andere zu und kann dennoch sehr distanziert sein oder zumindest wirken. Und sie besitzt sogar eine erstaunlich kämpferische Seite. Die römische Venus war nicht nur Göttin der Liebe und Schönheit, sondern wurde auch mit Fruchtbarkeit, Wohlstand und Sieg verbunden. Venus kann also durchaus wissen, was sie will. Vielleicht ist das eine wichtige Ergänzung zu unserem heutigen Venusbild: Liebe bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Liebe bedeutet auch, einen Wert zu erkennen – und für diesen Wert einzustehen.

Die aktuelle Zeitqualität spiegelt diese Zusammenhänge sehr treffend wieder. Am 10.09.2026 trat Venus in das Zeichen Skorpion ein. Gleichzeitig wechselte Merkur in das Zeichen Waage. Während Merkur hier darüber nachdenken und sprechen möchte, wie wir miteinander umgehen, verlässt Venus es und geht dorthin, wo Beziehung ihre angenehme Oberfläche verliert. Hier geht es nicht mehr nur darum, ob wir uns mögen. Hier geht es um Nähe, Vertrauen, Begehren, Bindung, Macht und Ohnmacht, Eifersucht, Sexualität, gemeinsame Werte und Ressourcen sowie um die Frage: Wie tief darf Beziehung eigentlich gehen? Venus im Skorpion möchte nicht noch mehr Beziehung, sondern echte Beziehung, die auch dann noch trägt, wenn es unangenehm wird.

Besonders deutlich wird dieses Thema durch die aktuelle Opposition (Energieaspekt) von Venus im Skorpion zu Chiron im Stier. Diese beiden Zeichen liegen sich im Tierkreis gegenüber und bilden die sogenannte Werteachse. Auf der einen Seite steht das Eigene: Was gehört zu mir? Was brauche ich? Was gibt mir Sicherheit? Was ist mein Wert? Auf der anderen Seite steht das Gemeinsame: Was teile ich? Was gebe ich preis? Was lasse ich an mich heran? Was geschieht, wenn ich mich wirklich einlasse? Chiron im Stier kann dabei eine empfindliche Stelle berühren, nämlich die Frage nach dem eigenen Wert. Bin ich wertvoll, auch wenn mich niemand bestätigt? Kann ich mich selbst wertschätzen? Und kann ich mich auf einen anderen Menschen einlassen, ohne meinen eigenen Wert davon abhängig zu machen? Das sind keine kleinen Fragen. Es sind Grundfragen menschlicher Beziehungen.

Nur wenige Tage später am 15.09.2026 bildete Venus ein Quadrat (Energieaspekt) zu Pluto. Damit kommt eine transformative Dimension hinzu. Das Venus-Pluto-Thema kann dort sichtbar werden, wo Beziehung nicht mehr einfach nur angenehm ist, sondern uns verändert. Plötzlich können Fragen auftauchen wie: Was hält mich wirklich fest? Wo verwechsle ich Liebe mit Besitz? Wo möchte ich den anderen kontrollieren bzw. wo lasse ich mich selbst kontrollieren? Was kann ich loslassen? Und vielleicht die wichtigste Frage: Was bleibt von einer Beziehung übrig, wenn ich aufhöre, den anderen besitzen zu wollen? Pluto legt frei, was unter der Oberfläche gärt. Deshalb kann diese Konstellation durchaus intensiv sein. Manchmal besteht die tiefste Form von Liebe gerade darin, dem anderen seine Freiheit zu lassen.

Am 23.09.2026 findet die Herbst-Tagundnachtgleiche im Zeichen Waage statt. Astronomisch überschreitet die Sonne dabei den Äquator in Richtung Süden und für uns auf der Nordhalbkugel beginnt der Herbst. Symbolisch ist auch dies ein Bild, das Venus entspricht, denn jetzt stehen Tag und Nacht einander genau gegenüber. Licht und Dunkelheit sind für einen Moment im Gleichgewicht. Doch es ist ein Wendepunkt; das Gleichgewicht wird zum Ausgangspunkt einer neuen Bewegung und die Dunkelheit gewinnt nun allmählich die Oberhand. Es zeigt sich eine tiefere Seite des Waage-Prinzips: Ausgleich bedeutet nicht Stillstand. Balance ist etwas Lebendiges. Wir müssen immer wieder neu ausgleichen, neu entscheiden und neu aufeinander reagieren.

Die tiefere Botschaft der Venus lässt sich so zusammenfassen: Wir lieben nicht nur (Menschen); wir treten mit der Welt in Beziehung. Durch unsere Beziehungen erfahren wir, was uns wirklich etwas wert ist. Und Wert zeigt sich nicht nur in dem, was wir besitzen oder begehren, sondern auch darin, wofür wir unsere Lebensenergie einsetzen.