Sonnen- und Mondfinsternisse – wenn sich etwas verdunkelt, damit etwas sichtbar werden kann

Sonnen- und Mondfinsternisse beeindrucken viele Menschen immer wieder neu. Für eine kurze Zeit verändert sich das gewohnte Licht des Himmels. Die Sonne verschwindet teilweise oder ganz; der Mond wird dunkel oder rötlich. Auch astrologisch betrachtet sind diese seltenen Himmelsereignisse etwas Besonderes. 

Finsternisse gelten seit jeher als Schwellenmomente. Sie markieren Wendepunkte, Übergänge und Entwicklungen, die manchmal ad hoc sichtbar werden und manchmal erst im Nachhinein ihre Wirkung entfalten.

Eine Sonnenfinsternis entsteht, wenn der Mond zwischen Erde und Sonne steht und das Sonnenlicht teilweise oder vollständig verdeckt. Bei einer Mondfinsternis ist es umgekehrt: Die Erde steht zwischen Sonne und Mond, sodass der Mond in den Schatten der Erde gerät. Sonne, Erde und Mond müssen also in einer Linie stehen. Eine Finsternis kann dabei nur in der Nähe der Mondknoten stattfinden. Bei diesen handelt es sich um die beiden Schnittpunkte der Mondbahn mit der Ekliptik, also der scheinbaren Umlaufbahn der Sonne um die Erde (vom Standpunkt des Beobachters auf der Erde betrachtet). 

Zum besseren Verständnis lohnt sich ein Blick in die vedische Astrologie, konkret in die Geschichte von Rahu (= aufsteigender Mondknoten) und Ketu (= absteigender Mondknoten). In dieser Mythologie werden beide mit einem Drachenwesen verbunden. Der Überlieferung nach wollte ein Dämon vom Nektar der Unsterblichkeit trinken. Die Sonne und der Mond bemerkten dies und verrieten ihn. Vishnu (er gilt als Erhalter und Beschützer des Universums) trennte daraufhin den Dämon mit seinem Diskus in zwei Teile. Da er bereits vom Nektar getrunken hatte, blieben beide Teile unsterblich: Der Kopf wurde zu Rahu, der Schwanz zu Ketu. Seitdem verfolgen beide Sonne und Mond, um sich zu rächen. Wenn sie einen von beiden „verschlucken“, entsteht eine Finsternis.

Bei einer Finsternis verschwindet also vorübergehend das Licht. Etwas, das normalerweise selbstverständlich sichtbar ist, wird verdeckt. Astrologisch können wir dies als Unterbrechung des normalen Bewusstseinsflusses verstehen. Die Sonne steht für Bewusstsein, Identität, Lebenskraft und den eigenen Ausdruck. Der Mond steht für Empfinden, Bedürfnis, Gewohnheit und die innere Welt. Wenn Sonne oder Mond durch eine Finsternis verdunkelt werden, wird symbolisch dasjenige Licht schwächer, mit dem wir normalerweise Orientierung finden. 

Das muss nichts Bedrohliches sein, im Gegenteil. Manchmal müssen wir etwas nicht mehr sehen können, damit wir etwas anderes wahrnehmen. Eine Finsternis kann deshalb eine Zeit sein, in der bisherige Sicherheiten fragwürdig werden. Beispiele: Eine Entscheidung, die lange aufgeschoben wurde, muss getroffen werden. Eine Beziehung verändert sich. Ein beruflicher Weg verliert seine Selbstverständlichkeit. Oder etwas, das lange im Hintergrund lag, tritt überraschend ins Bewusstsein. Finsternisse sind also Zeitfenster, in denen Entwicklungen besonders deutlich werden können. Die beiden Arten von Finsternissen haben dabei unterschiedliche symbolische Schwerpunkte:

Die Sonnenfinsternis wird mit einem Neubeginn verbunden. Etwas im Bereich von Identität, Selbstverständnis, Lebensausrichtung oder persönlichem Ausdruck kann sich verändern. Die Frage könnte lauten: Wer möchte ich werden – und was möchte durch mich ins Leben kommen? Manchmal beginnt dieser Prozess mit einem Gefühl von Unsicherheit. Das alte Selbstbild funktioniert nicht mehr richtig, während das neue noch nicht klar erkennbar ist. 

Bei der Mondfinsternis geht es um die emotionale Welt, Beziehungen, Bedürfnisse und alte Gewohnheiten. Etwas, das bisher unbewusst oder nur halb bewusst war, kann sichtbar werden. Sie kann deshalb mit einem Erkennen, Loslassen oder Abschließen verbunden sein. Die Frage lautet eher: Was darf ich nicht länger festhalten, weil es seinen Platz in meinem Leben bereits erfüllt hat? Dabei können Gefühle besonders deutlich werden, weil die Finsternis weniger gut erlaubt, sie zu übergehen.

Rahu wird traditionell mit dem verbunden, was uns in die Zukunft zieht, z. B. Wünschen, neuen Erfahrungen, Grenzüberschreitungen. Ketu steht dagegen eher für das, was wir bereits kennen, z. B. Gewohnheiten, vertraute Erfahrungen und Fähigkeiten, aber manchmal auch für etwas, von dem wir uns lösen müssen. Vereinfacht könnte man sagen: Rahu zieht uns nach vorne, Ketu lässt etwas hinter uns. Letztlich geht es um die Bewegung zwischen diesen Polen.

Wie kann man nun diese Ereignisse sinnvoll für die eigene Entwicklungsarbeit nutzen? Nicht jede Finsternis muss im individuellen Erleben so dramatisch sein, wie es das Schauspiel am Himmel und die meist hohe öffentliche Aufmerksamkeit vermuten lassen. Und gleichzeitig ist eine hohe Intensität im Einzelfall nicht auszuschließen. Manchmal geschieht äußerlich erstaunlich wenig und trotzdem kann sich innerlich etwas verschieben. Diese Zeitspannen sind eine Einladung, aufmerksamer zu werden und sich intensiv mit sich selbst auseinander zu setzen. Je nachdem, ob und wie Faktoren in deinem eigenen Horoskop berührt werden, könnten folgende Fragen für dich interessant sein:

  • Was verändert sich gerade in meinem Leben?
  • Was fühlt sich nicht mehr stimmig an?
  • Wo entsteht ein neuer Impuls?
  • Was möchte ich beginnen?
  • Was möchte ich beenden?
  • Welche Gefühle habe ich bisher vielleicht übergangen?
  • Wo halte ich an etwas fest, obwohl es sich bereits verändert hat?

Fazit: Der Schatten gehört zum Licht. Bei einer Finsternis ist das Licht nicht verschwunden; es wird lediglich für einen Moment verdeckt. Auch wenn wir zeitweise nicht wissen, wohin unser Weg führt, heißt das nicht, dass wir von ihm abgekommen sind. Manchmal braucht es gerade diese Phase des Nichtwissens, damit etwas Neues entstehen kann. Eine Finsternis erinnert uns daran, dass Entwicklung nicht immer bedeutet, mehr Licht zu bekommen. Manchmal bedeutet es zunächst, im Dunkel auszuhalten, was noch nicht sichtbar ist und spürbewusst wahrzunehmen, was sich in uns und unserem Leben bereits verändert – und wohin es uns zieht.